Das große Klagen nach der Wahl

Ein Kommentar – weil Verlage publizieren und einen Beitrag zur gesellschaftlichen, kulturellen und auch politischen Meinungsbildung leisten.

Verleger Florian Althans

Fotografien © Martin Bockhacker/LightUp Studios 2016

Wie konnte das geschehen? Welch Überraschung! Droht nun das Ende der Demokratie? Allenthalben lese und höre ich das große Wehklagen über den Ausgang der Bundestagswahl. Da werden spontane Demonstrationen gegen Rechts, was immer ein jeder darunter verstehen mag, initiiert, da beteuern wir uns gegenseitig, wie furchtbar wir diesen bundesdeutschen Rechtsruck finden und wir werden nicht müde, uns klar von der AfD zu distanzieren und wirklich jedem in unserem Umfeld zu versichern, dass wir ganz bestimmt nicht diese rechtsradikale Partei gewählt haben.

Ich bin müde, es langweilt mich, ich ertrage es nicht mehr.

Wann diskutieren wir darüber, was genau falsch läuft? Wann haben wir den Mut, nach den Gründen und der Verantwortung für dieses Ergebnis zu suchen? Wann hören wir auf, uns zutiefst undemokratisch abzugrenzen und die Ohren für rechtspopulistische Äußerungen hermetisch zu versiegeln? Wann beginnen wir, zuzuhören, uns mit Meinungen, die wir selbst ablehnen oder die uns vielleicht sogar empören, auseinanderzusetzen? Ich bin Deutscher, ich lebe in einer Demokratie, in der die Meinung und der Willen der Mehrheit, das Wohl der Gesellschaft – unbenommen der individuellen Grundrechte – über dem Individuum und seinem wie auch immer geprägten Willen oder seiner Gesinnung steht.

Nein, der Deutsche ist nicht per se rechtsradikal, er ist nicht einmal per se rechts. Mehr als vier Fünftel der Deutschen, die am Sonntag an die Wahlurnen traten, haben sich für eine andere Partei als die AfD entschieden. Und nein, die Demokratie ist durch ein solches Wahlergebnis nicht gefährdet. Das Ergebnis der gestrigen Wahl ist das Ergebnis eines zutiefst demokratischen Prinzips, eines freien Willens und einer freien Entscheidung. In dieser Freiheit auch weiterhin zu leben, ist schon allein Grund genug, sich an einer bundesdeutschen Wahl zu beteiligen.

Diskutieren wir einmal darüber, dass die AfD die meisten Wähler in den neuen Bundesländern fand, bei Menschen, die 1989 zwischen 17 und 32 Jahre alt waren, Deutsche, die ihre politische und gesellschaftliche Prägung in einem zutiefst undemokratischen, sozialistischen System erhielten, einem linken System. Es sind Deutsche, die nach der Wiedervereinigung in ihrem Berufsbeginn und dann rund drei Jahrzehnte west- beziehungsweise gesamtdeutsche Bundespolitik durch unsere regierenden, bürgerlichen Parteien erfuhren – die Parteien, die man ja als guter Deutscher wählen darf, CDU/CSU, SPD, FDP, GRÜNE und vielleicht sogar DIE LINKE.

Werden wir lernen, denen zuzuhören, die der bürgerlichen Meinung nach Unwählbares gewählt haben? Werden wir uns ihren Sorgen und Ängsten oder auch einfach ihren Meinungen stellen?Florian Althans

Wer ist schuld am sogenannten Erfolg einer rechtspopulistischen Partei bei der gestrigen Wahl? Was bedeutet das Ergebnis dieser Wahl für die kommende Legislaturperiode? Werden wir lernen, denen zuzuhören, die der bürgerlichen Meinung nach Unwählbares gewählt haben? Werden wir uns deren Sorgen und Ängsten oder auch einfach ihren Meinungen stellen?

Ich kenne die Antworten nicht. Ich weiß nicht, welche Folgen diese Wahl für unser Denken und unsere Politik hat. Doch ich wünsche und ich hoffe, dass wir aufhören zu ignorieren, zu diskreditieren und auszugrenzen, sondern unsere Demokratie mit den besseren Argumenten, mit der fundierteren Bildung und mit einem guten Maß an Humanismus bewahren. Und diese feste Haltung gilt gegenüber jeder Bedrohung unserer demokratischen Gesellschaft, ob von rechts, ob von links oder aus religiösem Fanatismus.

Hört auf, zu klagen, über den Mund zu fahren und Euch abzuwenden. Fangt an zuzuhören, fangt an zu diskutieren und zu überzeugen. Dann werden sich zumindest diejenigen, die sich am Wahlsonntag aus Protest für die AfD entschieden haben, wohl bald wieder in unserer Gesellschaft wohlfühlen und ihre Stimme einer demokratischen Partei schenken. Es spricht so vieles für ein demokratisches System. Wir haben gute Argumente. Ausgrenzung ist keine Lösung.

Florian Althans, September 2017

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